Die Leichtigkeit des Seins

Die meisten von uns haben das Glück, als Kind gesund zu sein und unbeschwert die Welt zu entdecken. In unserer Jugend beginnen wir die Menschen und unsere Erlebnisse zu bewerten und gelangen so zu unseren eigenen Erfahrungen. Je älter wir werden, desto mehr unterscheiden wir zwischen Schlecht und Gut, zwischen Schwarz und Weiss. Wir analysieren die Menschen und Geschehnisse und bilden weiterhin unsere Erfahrungen bis wir so reif und erfahren sind, dass wir auf das meiste, was uns widerfährt, bereits innerhalb von Sekunden eine Antwort haben; das kennen wir schon. Das was neu ist, betrachten wir mit Abstand, skeptisch, meist lassen wir uns gar nicht darauf ein; es passt nicht in unser Erfahrungsbild.
Wir sind an einem Punkt angekommen, wo uns fast nichts mehr überraschen kann, da wir alles bereits kennen. Dies gibt uns Sicherheit und macht unser Leben und unsere Mitmenschen berechenbar; wir haben alles unter Kontrolle.
Viele Menschen verbringen von diesem Punkt an ihr Leben in dieser „Harmonie“ in „gesicherten Verhältnissen“. Sie hören auf zu wachsen und werden träge. Bei einigen Menschen funktioniert dies recht gut, sie werden auf diese Weise alt.

Da wir von Natur aus mit einer gesunden Neugierde ausgestattet sind, kommt bei einigen Menschen an diesem Punkt im Leben Langeweile oder Unzufriedenheit auf. Etwas in ihrem Inneren drängt sie zur Veränderung. Oft sind sie hin- und hergerissen zwischen dem „sicheren Hafen“ und der „grossen Freiheit“.
Hier ist wohl entscheidend, ob man sich mit dem zufrieden geben will, was man bisher im Leben erreicht hat. Zudem erfordern Veränderungen einen gewissen Mut; man muss bereit sein, Altes loszulassen und sich Neuem zu stellen. Ist man ein Mensch, der eher angstlos ist, schreitet man ohne grosse Probleme voran und macht neue Erfahrungen. Doch dies ist wohl eher die Ausnahme.
Für viele beginnt hier ein grosser Kampf. Man kann nicht einfach ausbrechen aus dem, was man sich aufgebaut hat. Und oft siegt die Vernunft und man belässt alles beim Alten. Doch tief in sich drin spürt man ständig, dass es einen vorwärts zieht. Ein sehr schwieriger Punkt, an dem viele Menschen krank werden. Man spürt einerseits die Wichtigkeit dessen, was im Leben noch auf einen wartet, möchte aber nicht egoistisch erscheinen, um sich seine Träume zu erfüllen. Das Leben fühlt sich mittlerweile schwer an, wir tragen eine grosse Last.

Möchte man hier vorwärts gehen, ist es oft notwendig, zuerst Altes loszulassen. Wir tragen sehr viel durchs Leben, das wir längst nicht mehr brauchen. Und reicher macht es uns nicht, nur schwerer. Jeder kennt das befreiende Gefühl, wenn man den Kleiderschrank ausmistet oder die Garage aufräumt. Weshalb nicht mal unseren Rucksack entrümpeln?

Es steht jedem Menschen frei, herauszutreten aus dem Schema der Bewertung, das er sich selber gebaut hat. Und sobald man damit aufhört, alles Neue in Gut und Schlecht einzuteilen, sehen die Dinge plötzlich ganz anders aus. Man beginnt, andere Menschen in einem neuen Licht zu sehen; ja, auch ihre Meinung hat ihre Richtigkeit, sie betrachten die Dinge einfach auf ihre Weise, welche genau so richtig ist wie unsere. Und hier beginnen wir an den Erfahrungen anderer Menschen teilzuhaben, welche auch für uns kostbar sein können.
Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn man Ereignisse und Situationen einfach so stehen lassen kann wie sie sind. Dies hat nichts mit Desinteresse zu tun, diese Dinge existieren, ob wir uns nun darauf einlassen oder nicht und wenn wir uns dazu hinreissen lassen, sie zu bewerten, haben wir uns schon wieder etwas aufgeladen, das zu einem Problem werden könnte.
Wenn andere Menschen Probleme haben, lassen wir ihnen diese; es sind nicht unsere Probleme. Deshalb können wir trotzdem für sie da sein, ohne dass es auch uns schlecht geht. Ganz im Gegenteil geben wir ihnen damit die Chance, ihre Probleme zu erkennen und an ihnen zu arbeiten.

Es ist, als würden wir wieder Kinder werden; wir entdecken die Welt auf unbeschwerte Weise…
Und diesmal lassen wir die Dinge so stehen wie sie an uns herantreten, betrachten sie, geniessen sie, bewundern sie… und lassen sie wieder gehen. Denn wenn wir dafür offen sind, kommt immer wieder etwas Neues auf uns zu, das es zu geniessen gibt; wozu denn alles sammeln, es fühlt sich sehr schnell wieder an wie eine Last.

Unser Körper fühlt sich sehr wohl in der Leichtigkeit des Seins; er hat keinen Grund mehr, krank zu sein.